Fokus 20/21

Der achtgliedrige Pfad nach Patanjali

Der erste Pfad: Die Yamas - der Umgang mit der Umwelt

Das 1. Yama:

Ahimsa - Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit........abseits der Matte leben!

 

In den nächsten Monaten möchte ich Euch auf eine kleine Reise des indischen Gelehrten Patanjali und Autor des Yoga Sutra mitnehmen.

 

Die acht Stufen sind ein Leitfaden für ein freies, glückliches und erfülltes Leben im Innen und Außen.

 

Jede dieser acht Stufen bietet konkrete Handlungsempfehlungen, die bis heute Ihre Relevanz und Nachvollziehbarkeit bewahrt haben.

 

Interessant an seinen Texten ist noch heute seine unglaubliche Aktualität, die nicht nur in der Yogapraxis Anwendung findet, sondern eben auch im echten Leben, außerhalb der Matte!

 

Um die acht Pfade für sich selbst zu erarbeiten, ist ein kontinuierliches Üben ohne Zwänge und Übertreibungen sehr sinnvoll. Du brauchst dafür nur einen offenen Geist und ein liebevolles Herz!

 

Ziel ist es, sich Schritt für Schritt von den eigenen Mustern und Blockaden sowie von Erwartungshaltungen anderer zu lösen, um sich seiner eigenen inneren Freiheit und Unabhängigkeit zu nähern. Dieser Weg ist als ein ständiger Prozess zu betrachten, in dem man sich nur langsam weiterentwickelt.

 

Fakt ist, Du lernst Selbsterkenntnis in deinem Denken, Fühlen und Handeln und kannst dadurch viel bewusster dein Leben gestalten, auch wenn der Weg nicht immer gradlinig ist......aber lohnenswert!

  1. Yama - vom Umgang mit anderen Menschen
  2. Niyama - vom Umgang mit sich selbst
  3. Asana - Körperhaltung
  4. Pranayama - die Regulierung des Atems
  5. Pratyahara - das Zurückziehen der Sinne
  6. Dharana - Konzentration
  7. Dhyana - Meditation
  8. Samadhi - innere Freiheit  

 

Das 2. Yama:

Satya - Wahrhaftigkeit

  

Das Thema Satya gehört als eines der Yamas zur Grundlage der Yogaphilosophie nach Patanjali.

 

Das Sanskrit-Wort Satya steht für Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit!

Das bedeutet sich selbst und anderen gegenüber offen und ehrlich zu sein.

 

Satya erfordert etwas Mut, den Mut authentisch zu leben, denn Wahrhaftigkeit bedeutet ehrlich zu sein, zu aller erst zu uns selbst.

 

Satya rät uns, wir selbst zu sein!

 

Es geht um die Kunst, ganz wahrhaftig und aufrichtig durchs Leben zu gehen.

In dem Moment, wo wir aufhören, uns etwas schön zu reden, unsere Unsicherheiten anschauen und betrachten, ohne sie zu verstecken oder kompensieren zu wollen, das ist Satya. 

 

Je näher Du deiner eigenen Wahrheit kommst, um so mehr traust Du dich, dich selbst zu sehen, und findest dich wieder!

Für die meisten von uns eine Lebensaufgabe, ein stetiger Prozess.

 

Ich lerne authentisch zu sein. Ich verzichte darauf, eine Rolle zu spielen. Erwartungen von anderen zu erfüllen, um gemocht zu werden. Ich erlaube mir, zu meiner Meinung zu stehen, und kann sie mutig ausdrücken.

Ebenfalls bin ich offen für Kritik und nehme sie nicht persönlich.

 

Ich übe selbst aufrichtig Kritik aus, wenn es angebracht ist. Ich achte sehr darauf, ob ich andere Menschen beurteile und verurteile, was sich sage und denke, und ob es wirklich stimmt, da mir bewusst ist, dass jeder Mensch seine eigenen Sicht-und Denkweisen hat. 

Ich verzichte darauf, anderen meine Überzeugungen aufzudrängen oder bevorzuge das Schweigen, um andere nicht zu verletzen.      

 

Wahrhaftigkeit leben wir,  wenn unser Agieren und Reagieren im Sprechen und Handeln mit unserer inneren Überzeugung von Wahrheit übereinstimmt. Die Wahrheit sollte gewaltfrei, also ohne die Absicht zu verletzen und möglichst mit Feinfühligkeit und auf eine verkraftbare Weise ausgesprochen werden. 

 

Man muss nicht alles sagen, was wahr ist - aber alles, was man sagt, sollte wahr sein!

 

Wo Wahrheit ist, entsteht Vertrauen. Und wo Vertrauen ist entsteht Liebe!   

 

Das 3. Yama:

Asteya - nichts unrechtmäßig von Anderen nehmen!

  

Im dritten Yama von Patanjali, das er in seinem achtgliedrigen Pfad beschreibt, geht es um .......

"nichts unrechtmäßig von Anderen nehmen", mit anderen Worten "Nicht - Stehlen".

 

Das beinhaltet "Nicht" zu nehmen, was einem nicht gehört!

Ob es sich dabei um Ideen, Taten, Gedanken, Güter, Zeit und Kraft von Anderen handelt, macht keinen Unterschied. 

Wenn wir genauer hinsehen, fällt uns bestimmt auf, wie leicht wir etwas von Anderen stehlen können, ohne uns dieses Vergehens überhaupt bewusst zu sein.

 

Asteya ist, wie alle anderen Yamas, eine Empfehlung zum wertschätzenden Umgang mit anderen Menschen und wird mit zweierlei Bedeutungen übersetzt:

  • Frei von Verlangen
  • Nicht - Stehlen oder Nicht - Begehren

Unser Ego ist immerzu bestrebt, uns hoch hinaus zu bringen, alle möglichen Reich- und Besitztümer anzuhäufen. 

Mein Job, mein Haus, mein Geld, mein Partner.....diese Aufzählung lässt sich beliebig fortführen, es gibt kein Ende. 

Die Konsequenz im Alltag ist, dass wir permanent damit beschäftigt sind, etwas zu bekommen. Wir glauben an das Gefühl, dass es uns besser geht, wenn wir dieses oder jenes besitzen. Wir lassen uns gerne vom Außen inspirieren. Oftmals brauchen wir etwas, um uns sicher zu fühlen.

Wir könnten uns bsp. einmal fragen, kann ich auf diverse Verlangen verzichten? 

Kann ich frei werden von überflüssigem Ballast?

Frei von Erwartungen und Ansprüchen an mich und Andere?

Ist es nicht irgendwann genug?

 

Sind wir im Zustand des Begehrens, bleibt kaum Raum für Achtsamkeit und Weiterentwicklung.

Das 3te Gebot Asteya möchte uns deshalb motivieren, uns mehr um unsere innere Entwicklung und unseren wahren Wesenskern zu kümmern.

 

Wenn wir frei von Verlangen sind und uns von äußerem Ballast und Besitztümern in unserem Leben befreien, haben wir die Chance, bei uns selbst an zu kommen.

Wir haben die Chance zu überdenken, was wirklich wichtig ist in unserem Leben.

Was macht unser Leben wirklich lebenswert?

Sind es die gemütlichen Stunden mit Menschen die uns Nahe stehen?

Oder vielleicht sogar wohltuende Stunden mit uns selbst? 

…..auch hier lässt sich die Liste beliebig fortsetzen!

 

Im Sutra 2.37 heißt es über Asteya, dass jemand im Zustand von Asteya alles bekommt, was er/sie braucht.

 

Wenn wir bereit sind, die Gier loszulassen, menschenfreundlich großzügig teilen, anstatt nur "Nehmen" zu wollen, fällt uns nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma) alles zu, was wir brauchen.

Die Abwesenheit von Verlangen, das ist Asteya.   

 

Das 4. Yama:

Brahmacharya - das richtige Maß um Tun und Handeln

  

Im vierten Yama von Patanjali, das er in seinem achtgliedrigen Pfad beschreibt, geht es um...

 

"Maßhalten in allen Lebensbereichen & das konzentrieren auf das Wesentliche".

 

Brahmacharya wurde als "Enthaltsamkeit, Keuschheit, bis hin zum Zölibat übersetzt".  

 

Traditionell sollte es Menschen dazu ermuntern, ihre sexuellen Handlungen zu unterdrücken, um mehr Kraft und Energie für den angestrebten Yoga Weg zu haben.

 

Durch das Anwenden von Brahmacharya soll die sexuelle Energie in spirituelle Energie umgewandelt werden.

 

Im zunächst unaussprechlich erscheinenden Wort, steckt das Wort Brahma. Ursprünglich einer der Hauptgötter aus dem Hinduismus. Dieser steht für die schöpferische Energie, die alles beseelt und lebendig macht!

 

Das Unendliche, das Ewige, das Absolute, das Göttliche!

 

Schaut man sich einmal in der Geschichte um, und vielleicht auch in alten Schriften von Heiligen und spirituell Erleuchteten, dann geht oftmals daraus hervor, dass sie alle enthaltsam lebten.

 

Es mag wohl für einen jeden Menschen großen Sinn ergeben, wenn er/sie vorhat ein Leben als buddhistischer Mönch oder Nonne zu leben.

 

In der heutigen Zeit ist damit weniger die sexuelle Energie gemeint, sondern eher eine Form der Selbstbeherrschung, die Gedanken rein zu halten und achtsam mit unseren Worten und Taten umzugehen.  

 

Brahmacharya ist also vielmehr die freundliche Empfehlung, das rechte Maß oder eine gesunde Mitte zwischen unseren natürlichen Bedürfnissen, den Wünschen und unseren Leidenschaften zu finden.

 

Patanjalis Empfehlung sollte man beherzigen, sobald wir merken, dass wir doch der einen oder anderen Leidenschaft zu sehr frönen. Dieses könnte durchaus zu Leid und Suchtverhalten führen.

 

Wir sollten versuchen unsere Bedürfnisse und Lebensweisen genauer zu betrachten und vielleicht Überflüssiges reduzieren.

 

Was ist wirklich für uns lebensnotwendig, was brauchen wir, um glücklich zu leben?

 

Alles was wir unkontrolliert, unbewusst und im Übermaß konsumieren oder praktizieren, ist auf Dauer ungesund.

 

Der weise Patanjali empfiehlt uns deshalb, Maß zu halten und zwar in jeder Hinsicht.

 

Allerdings warnt er uns im selben Atemzug, auch vor einem totalen Verzicht. Unsere Bedürfnisse gänzlich zu unterdrücken, bedeutet wiederum Gewalt an uns selbst und widerspricht  "Ahimsa" - der ersten yogischen Verhaltensleitlinie.

 

Wir müssen nicht allen Dingen, die uns Freude bringen entsagen, vielmehr sind wir gefragt, ein gesundes Mittelmaß zu finden.

 

Das Thema Brahmacharya bedeutet im 21.ten Jahrhundert, in einem modernen Verständnis, mit seiner Energie  zu haushalten, sie achtsam und überlegt einzusetzen.

 

Enthalte Dich allem, was das Leben erschwert, dann wird es leichter!  

 

Das 5. Yama:

Aparigraha - die Kunst "nicht Haben" zu wollen

 

"Aparigraha" ist tatsächlich einer der zentralen Lehren im Yoga Sutra, die vielleicht die wichtigste Lektion von allem sein könnte.

 

In dieser Thematik können wir alle ein bisschen mehr "Nicht-Anhaftung", "Nicht-Gier" und "Nicht-Besitz" in unserem Leben erlernen.

 

Nicht horten, das ist die Fähigkeit uns auf das zu beschränken, was wir brauchen und nur das anzunehmen, was uns zusteht. Wenn wir verstehen könnten, wie man auf diese Weise lebt, stellt sich mehr Leichtigkeit in unserem Leben ein.

 

"Aparigraha" heißt die Einstellung oder Haltung "Nichts festzuhalten", wir halten nichts fest, weil das zugrunde liegende Bedürfnis nicht mehr besteht.

 

Wie viele Kleidungsstücke hast Du in deinem Schrank, von denen Du weißt, dass Du sie nie wieder tragen wirst?

Wann hast Du das letzte Mal deinen Dachboden oder Keller ausgemistet oder entrümpelt?

 

Wir halten an Dingen, Menschen unseren Gedanken und Einstellungen fest. Alles soll so bleiben wie es ist. Ich mag nichts verlieren, nichts hergeben und schaffe mir materielle Dinge an, um eine vermeintliche Sicherheit zu etablieren. Ich kann einfach nicht loslassen, es fällt mir schwer! 

 

Gestatten wir uns einen Rückblick auf unser Leben, stellen wir sehr schnell fest, dass jedoch eines ganz sicher ist .....nichts ist von langer Dauer!

 

Unser Ego klebt an Dingen, Vorstellungen, Meinungen und Überzeugungen fest, ohne diese es nicht existieren könnte.

 

Besitz bindet unseren Geist und unsere Energie, weil es Aufmerksamkeit und Pflege bedarf.  Jede Art von Eigentum ist verpflichtend.

 

Wenn wir die Last ein wenig erleichtern, indem wir entweder einige Dinge verkaufen, die wir nicht mehr brauchen, oder noch besser, in dem wir sie für "Wohltätige Zwecke" hergeben, dann stellt sich Erleichterung ein. 

Es lohnt sich immer zu überlegen, ob wir wirklich alles "Haben" müssen oder ob wir viele Dinge einfach gar nicht brauchen, um glücklich zu sein.

 

"Aparigraha" bietet uns so viel Freiheit, sich weniger auf äußere und materielle Besitztümer zu verlassen, sondern zu schauen, was passiert, wenn ich lerne einfach loszulassen!

 

Mein Fazit zu den Yamas:

 

Ahimsa - Gewaltlosigkeit/Friedfertigkeit

Satya - Ehrlichkeit, Warhaftigkeit

Asteya - Nicht-Stehlen

Bramacharya - Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit

Aparigraha - Nicht-Anhaften, Nicht-Horten

 

Die fünf Yamas mit Ihren Empfehlungen können uns hilfreich sein, in einer guten Beziehung zu unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und zu uns selbst zu stehen.

 

Wir alle müssen uns tagtäglich den Herausforderungen des Lebens stellen, und sind in unseren Verhaltensmustern oftmals tief verstrickt, die uns doch, das ein oder andere Mal ein Beinchen stellen.

 

Jedoch bieten uns die Yamas eine Möglichkeit, unsere Verhaltensmuster genauer zu betrachten und somit den Umgang mit uns selbst und anderen nach und nach zu verändern. Tief in unserem Inneren streben wir alle nach einem harmonischen Miteinander in Frieden und Liebe. 

 

Das klingt in der Theorie alles erst einmal sehr einfach, bedarf jedoch einer guten Portion Klarheit und Disziplin, um neue Sicht- und Verhaltensweisen, sowie mentale Einstellungen einzuüben.